26 Sep. Neuroinklusives Büro: Für wen wird eigentlich geplant?
Ein Kollege sitzt mit Kopfhörern da, obwohl niemand mit ihm spricht. Eine Kollegin flüchtet für jedes Telefonat ins Treppenhaus, obwohl direkt neben ihr eine Telefonbox frei steht. Ein Dritter starrt beim Meeting auf den Tisch statt in die Runde, und alle denken sich etwas dabei, das vermutlich nicht stimmt.
Diese drei Szenen haben einen gemeinsamen Nenner: Das Büro wurde für ein Gehirn geplant, das es so nicht gibt. Genauso wie es vor 70 Jahren ein Cockpit gab, das für einen Piloten gebaut war, den es nicht gab.
Der Durchschnittspilot, den es nie gab
Ende der 1940er Jahre stürzten reihenweise US-Kampfjets ab, an manchen Tagen mehrere auf einmal. Die Air Force verdächtigte Wetter, Technik und die Piloten selbst. 1950 vermaß sie deshalb über 4.000 Piloten in 140 Körpermaßen, vom Brustumfang bis zum Augenabstand, um einen Durchschnittspiloten zu berechnen und das Cockpit exakt auf ihn zuzuschneiden.
Ein junger Leutnant namens Gilbert Daniels stellte eine einfache Frage: Wie viele Piloten entsprachen diesem Durchschnitt tatsächlich? Er verglich jeden Piloten in zehn zentralen Maßen mit dem errechneten Idealwert, großzügig genug, dass die mittleren 30 Prozent noch als Durchschnitt zählten. Das Ergebnis: Von über 4.000 Piloten traf keiner einzige auf alle zehn Maße zu. Der Durchschnittspilot existierte schlicht nicht, und ein Cockpit, gebaut für ihn, passte deshalb praktisch niemandem.
Die Air Force zog daraus die einzig sinnvolle Konsequenz: verstellbare Sitze, verstellbare Pedale, verstellbare Gurte. Die Abstürze gingen zurück, die Leistung stieg. Dass sich heute in fast jedem Auto der Sitz verschieben lässt, geht auf genau diese Erkenntnis zurück.
Dasselbe Problem, nur im Büro
Viele Büros sind noch immer für ein Durchschnittshirn geplant, das es genauso wenig gibt wie den Durchschnittspiloten. Ein paar Beispiele, wie konkret das wird.
Die Formel, nach der in vielen Gebäuden die Raumtemperatur geregelt wird, stammt aus den 1960er Jahren und rechnet mit dem Stoffwechsel eines 40-jährigen, 70 Kilogramm schweren Mannes. Eine Untersuchung der Universität Maastricht kommt zu dem Schluss, dass diese Formel den Wärmeumsatz von Frauen um bis zu 35 Prozent überschätzt. Deshalb sitzt die Kollegin im Juli in der Fleecejacke, während der Kollege im Hemd schwitzt, und beide haben recht mit ihrem Empfinden.
Beim Licht ist es ähnlich. Alte Leuchtstoffröhren flackern mit rund 100 Hertz, für die meisten Menschen unsichtbar, aber messbar. Der britische Wahrnehmungsforscher Arnold Wilkins zeigte 1989 in einer Doppelblindstudie, dass moderne Hochfrequenz-Beleuchtung Kopfschmerzen und Augenbelastung im Vergleich deutlich reduziert. Eine kleine, aber real betroffene Gruppe von Menschen nimmt das Flackern sogar bewusst wahr, für sie ist ein schlecht gewähltes Leuchtmittel keine Kleinigkeit, sondern ein Grund für Kopfschmerzen am Nachmittag.
Und beim Großraumbüro rächt sich das Prinzip gleich doppelt. Der dänische Arbeitsforscher Jan Pejtersen wies 2011 anhand von über 2.400 Beschäftigten nach, dass Menschen in offenen Büros mit mehr als sechs Personen deutlich mehr Krankheitstage haben als in Einzelbüros, mit steigendem Effekt bei jeder weiteren Person im Raum. Wie sich Lärm und Nachhall im Büro überhaupt aufbauen und was dagegen hilft, haben wir im Grundlagenartikel zum Schallschutz im Büro beschrieben.
Das Open Space scheitert dabei teils sogar an seiner eigenen Begründung. Eine vielzitierte Studie von Ethan Bernstein und Stephen Turban an der Harvard Business School begleitete zwei Unternehmen beim Umzug in offene Bürolandschaften, ein Teil der Belegschaft trug dabei Sensoren. Ergebnis: Die persönliche Kommunikation von Angesicht zu Angesicht sank um rund 70 Prozent, während E-Mails und Chatnachrichten zunahmen, auch zwischen Personen, die nur wenige Meter voneinander entfernt saßen. Ein Raum, gebaut für Austausch, ließ die Leute stattdessen tippen.
Was neuroinklusives Design eigentlich meint
Die australische Soziologin Judy Singer prägte 1998 den Begriff Neurodiversität: die Beobachtung, dass Gehirne sich von Natur aus unterscheiden, so wie sich Körpergrößen unterscheiden, ohne dass eine Variante automatisch die richtige ist. Schätzungen gehen davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Menschen neurodivergent sind, mit ADHS, Autismus, Legasthenie oder anderen Besonderheiten. Das eigentliche Spektrum ist noch breiter, denn Reizempfinden ist keine Ja-Nein-Frage. Jeder Mensch liegt irgendwo zwischen zu laut und zu still, zwischen zu grell und zu fad. Auch die ruhigste Kollegin, die nie etwas dazu sagt.
2022 veröffentlichte die British Standards Institution mit PAS 6463, „Design for the Mind“, die erste genormte Leitlinie für neurodiversitätsgerechtes Bauen. Sie behandelt Licht, Akustik, Material, Böden, Wegeführung, Temperatur und Gerüche, und lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Klarheit, Kontrolle, Ruhe.
Neuroinklusives Design wird trotzdem oft als Chichi abgetan, als Zusatz für den Diversitätsbericht. Dabei ist es im Kern dasselbe Prinzip wie beim Cockpit: Man baut nicht mehr für die Mitte, sondern für die tatsächliche Bandbreite der Menschen, die den Raum nutzen. Wer nur den Durchschnittsmenschen im Blick hat, bekommt am Ende auch nur Durchschnitt.
Drei Verhaltensweisen, die falsch gelesen werden
Bevor es um Gestaltung geht, lohnt ein Blick auf drei Verhaltensweisen, die im Büroalltag regelmäßig missverstanden werden.
Zappeln wirkt wie Unruhe oder Desinteresse. Bei vielen ADHS-Köpfen ist es das genaue Gegenteil: Bewegung hält die Konzentration aufrecht. Wer mit dem Fuß wippt, driftet nicht ab, sondern bleibt bei der Sache.
Kopfhörer aufsetzen wirkt wie Rückzug aus dem Team. Meistens ist es Notwehr, der Versuch, sich die Ruhe wieder herzustellen, die ein offener Raum genommen hat, nicht der Wunsch, niemanden mehr zu hören.
Kein Blickkontakt wirkt wie Desinteresse oder Unaufmerksamkeit. Für viele autistische Menschen ist genau das Gegenteil der Fall: Blickkontakt kostet Rechenleistung, und wer wegschaut, macht den Kopf frei für das, was gerade gesagt wird.
Sieben Ansatzpunkte für die Praxis
Keiner dieser Punkte erfordert einen Komplettumbau. Die meisten lassen sich schrittweise in ein bestehendes Büro einarbeiten.
- Akustische Zonierung. Laute Kollaborationsflächen, ruhigere Standardbereiche und echte Stillzonen mit wirksamer Absorption und Dämmung, nicht nur mit einem Schild an der Tür.
- Blendfreies Licht. Viel Tageslicht, warmes und dimmbares Kunstlicht, matte statt glänzende Oberflächen, moderne Leuchtmittel ohne sichtbares oder unbewusst wahrgenommenes Flackern.
- Frei zugängliche Rückzugsräume. Telefon- und Fokusboxen ohne Anmeldepflicht, die jeder ohne Erklärungsdruck nutzen kann. Wir haben das im Artikel zu Raum-in-Raum-Systemen im Detail beschrieben.
- Klare Orientierung. Große Schrift, einfache Grundrisse, kontraststarke Beschilderung, damit sich niemand seinen Weg zusammenreimen muss.
- Individuelle Verstellbarkeit. Regelbare Beleuchtung, Temperatur und Möbelhöhe direkt am Arbeitsplatz, statt einer Einstellung für den ganzen Raum.
- Begrünung. Eine Studie von Marlon Nieuwenhuis aus dem Jahr 2014 fand einen Produktivitätsanstieg von rund 15 Prozent in bepflanzten Büros gegenüber kahlen Vergleichsräumen.
- Partizipation. Neurodivergente Mitarbeitende früh in die Planung einbeziehen, statt im Nachhinein nachzubessern.
Was sich wirtschaftlich rechnet
Der Wirtschaftsprüfungskonzern EY betreibt in Philadelphia, Boston und Chicago sogenannte Neuro-Diverse Centers of Excellence, ausgestattet mit Ruhezonen, Noise-Cancelling und regelbarem Licht. Am Standort Philadelphia halbierte sich dadurch die Einarbeitungszeit neuer Mitarbeitender, in Boston kehrten 25 bis 30 Prozent der neurodivergenten Belegschaft freiwillig ins Büro zurück, ein Wert, von dem viele Unternehmen nach der Pandemie nur träumen.
JPMorgan berichtet aus seinem Programm Autism at Work, dass entsprechend eingesetzte Mitarbeitende in bestimmten Tech-Rollen zwischen 90 und 140 Prozent produktiver arbeiten, bei gleichzeitig niedrigerer Fehlerquote. Trotzdem sind laut einem Bericht der britischen Statistikbehörde ONS aus dem Jahr 2021 nur rund 22 Prozent autistischer Erwachsener in Beschäftigung, die niedrigste Quote aller Behindertengruppen. Das Talent ist also vorhanden. Es scheitert oft schlicht am Raum, in dem es arbeiten müsste.
Für wen wird bei Ihnen eigentlich geplant?
Genau wie beim Cockpit von 1950 lässt sich neuroinklusives Design nicht an einer einzigen Fertiglösung festmachen. Es ist eine Denkweise, die bei jeder Entscheidung mitläuft: bei der Wahl des Leuchtmittels, bei der Anzahl und Lage der Rückzugsräume, bei der Frage, wie viel ein einzelner Arbeitsplatz selbst regelbar sein soll.
Wir sind herstellerunabhängig und beraten entsprechend. Das heißt, wir sagen auch, wenn eine kleinere Anpassung mehr bringt als eine teure Umbaumaßnahme. Einen Überblick über unsere Beratung zu modernen Arbeitswelten finden Sie auf unserer Leistungsseite New Work Beratung.
Wenn Sie wissen wollen, wo Ihr Büro heute steht und was sich mit überschaubarem Aufwand ändern lässt, sprechen Sie uns an. Wir schauen uns die Fläche gemeinsam mit Ihnen an.